Das beste gleich zum Anfang, seit ca. 16 Stunden schneit es ohne Unterbrechung und es liegen bereits ca. 15 cm kristallisierten Wassers. Mir ist nun auch klar, warum die Eskimos über 20 Wörter für Schnee haben, denn der jetzige ist winzig klein und nadelscharf, ganz anders als der Berlin-Schnee und im Januar soll es Flocken geben, die 2-Euro-Stücken groß sind.
Die letzte reguläre Uniwoche ist nun rum, ab Montag beginnen die Finals, die mich jedoch nicht weiter betreffen. Die Tage waren durch die Endprojekte und Vorträge ziemlich stressig, wenn auch nicht so schlimm wie befürchtet und nichts im Vergleich zu anderen Studenten, die in den letzten Tagen nicht mehr als 2-3 Stunden Schlaf bekommen haben. Nach einer Umfrage der Campus-Zeitung war es das schlimmste Semesterende seit Studentengedenken.
Letzten Sonntagabend waren wir zum Weihnachtskonzert in der Kirche (Neubau mit Plüschbestuhlung) und haben uns den Gospelchor der Uni angeschaut. Von zehn Liedern war immerhin eins ein Weihnachtslied, der Rest halt Gospel, mit vielen vielen textlichen Variationen von "We're blessed" oder auch "You're blessed" . Die Sänger waren aber sehr gut, es wurde kräftig mit Händen und Hüften gewackelt und es gab einige ohrenschmeichelnde Solos.
Am Montag gab es im Motorradclub einen Vortrag eines ParkRangers über Motorradgangs, wie die HellsAngels und ihre Machenschaften. Es gab sehr interessante oder besser furchterregende Geschichten und mein Weltbild von lustigen, bärtigen Rockerbrüdern wurde nachhaltig zerstört. Es sind sehr gut organisierte, kriminelle Vereinigungen, denen man besser nicht unter die Finger kommt, insbesondere, wenn man "japanischen Schrott" fährt.
Die Zeit der Projektabgaben fing am Donnerstag mit zwei Vorträgen an. In meiner Literaturklasse habe ich mehr schlecht als recht vor mich hingestammelt. Im Anschluß habe ich von meiner Professorin eine Liste mit „Muss man gelesen haben“-Büchern englischsprachiger Autoren erfragt, die an Position drei die Bibel auflistete, was bei mir die Frage aufwirft, ob in Deutschland nicht vielleicht die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssten. Im Englischkurs habe ich mich ganz gut geschlagen (Dank an Heike und Florian für die Recherchen) und war mit meinem Präsentation über einen Designguru gut aufgehoben zwischen einem Saunahistorie- (natürlich von einem Finnen gehalten) und einem Liebe/Partnerschaft- (natürlich von einer Spanierin) Vortrag.
Am Freitag wurden dann die letzten Korrekturen an den Abgaben gemacht und nach zwei Stunden Cafeteria-Arbeit habe ich mich erleichtert in die letzten Vorlesungen für dieses Jahr gestürzt, wobei die letzte noch ausfiel. Irgendein Experiment auf der Chemielaboretage ist schiefgegangen, hat das ganze Gebäude von oben nach unten mit seinem Gestank durchwandert und damit unpassierbar gemacht.
Am Abend gab es im unieigenen Veranstaltungstheater/Konzertsaal ein kostenloses Konzert der Band Skillit, präsentiert von 'His House Christian Fellowship'. Man ahnt es, es ist eine christliche Rockband, im Stil der New-Metall-Schrammelgitarren. Zu einem richtigen Rockkonzert gehören natürlich ein anständiger Club, Platz zum pogen und betrunkene Fans. Das alles gab es nicht. Man war zwischen den Stuhlreihen eingequetscht und die Hüpf-und Arme-in-die-Luft-Werfen-Versuche des Publikums waren im Rahmen der schicken Umgebung mehr als albern. Die erste Ansage des Sängers begann mit „I believe in Jesus Christ“, was starken Applaus zur Folge hatte. Nach zwei Dritteln des Konzerts gab es eine lange Predigt über das Schlechte in der Welt, Gott und die Bibel und den Glauben, der die Menschheit rettet. Unterlegt mit sehr schöner atmosphärischer Musik, konnte einen das schon berühren (wenn man denn wollte) und entsprechend gab es begeisterte Ausrufe und sehr starken Applaus. Bei mir löst dieses fanatische Christlichkeit immer ein gewisses Unwohlgefühl aus und selbst meinen aus katholischen Familien kommenden spanischen und mexikanischen Freunden war das nicht ganz geheuer.
Im Anschluss ging es zum Countrymusik-Hören ins Clubhaus des Snowmobilclubs von Houghton. Die Ernüchterung war aber groß, das Publikum doch recht betagt, die Lokalität sehr clubhausmäßig und die Band nur durchschnittlich. Als Rene (ein immer gut gelaunter Mexikaner) dann auch noch nachhaltig traumatisiert wurde, als ihm eine etwas ältere Dame ihre blanke Oberweite präsentierte, gab es kein Halten mehr und es wurde die Heimreise angetreten.
Nach wenigen Stunden Schlaf musste ich mich sehr früh aus dem Bett quälen, um der ersten Weihnachtsurlauberin die versprochene Fahrt zum Flughafen zu geben. Mit einem Freund bin ich später zur Feierstunde der Abschlussklasse dieses Semesters gefahren. Wie man das aus dem Fernsehen kennt, hatte jeder einen schwarzen Umhang und Hut auf und wurde persönlich aufgerufen und vom Präsidenten mit Handschlag beglückwünscht. Bis auf den Auftritt des Gastredners, der u.a. über die Rolle der USA in der Welt sprach und die momentane Situation sehr kritisch betrachtete, war es eine langweilige Veranstaltung und nicht besser, als das, was man von zu Hause kennt.
Ansonsten geht es langsam Richtung Weihnachten, wenn ich hier auch sehr viel weniger davon mitbekomme. Die Uni hat ihre paar Bäumchen mit Lichterketten behängt, die Studentenschaften ihre Häuser mit einigen mehr und bei Wallmart kann man Nußknacker in Kindergröße kaufen.
