Stephan in the States

Samstag, Dezember 18, 2004

Ab in den Süden

Auf die Schnell noch einen Eintrag bevor ich mich für ca. drei Wochen verabschieden werde. Die letzten Tage waren sehr hektisch und ich möchte mich gleich für nicht beantwortete E-Mails und Telefonate entschuldigen.
Morgen Mittag geht es mit drei Freunden für die Weihnachtsferien nach Florida. Wir fahren wieder mit unserem treuen Buick und hoffen in vier Tagen die Strecke zu schaffen und zum 24. in Miami Weihnachtslieder singen zu können. Davor muss ich aber noch meinen ganzen Sachen aus dem Appartement schaffen und in mein neues Heim transportieren. Ich konnte es nur für ein Semester mieten und da mein Mitbewohner traurigerweise wieder nach Belgien abhaut, werde ich in ein Haus mit vielen internationalen Studenten ziehen. Heute abend war also Sachen packen und sauber machen angesagt. Am Nachmittag haben wir das schöne Wetter ausgenutzt und sind Skifahren gegangen, was einige sehr schöne Stunden waren. Die Stimmung wurde dann aber immer gedrückter, da es für einige Leute das letzte Erlebnis hier war, da sie wieder nach Hause fahren und alle sind wegen der Trennung traurig.
Am Mittwoch habe ich mein einziges echtes Exam geschrieben und es lief ganz gut. Ansonsten habe ich einige Stunden mehr gearbeitet und abends gab es meist irgendein Abschiedsessen oder wie gestern bei uns eine Abschiedsparty.
Ich wünsche allen eine schöne Weihnacht und ein gutes neues Jahr.

Dienstag, Dezember 14, 2004

Schnee-He-Flöckchen

Am Sonntag hat es noch kräftig weitergeschneit und nach einem abendlichen Kinobesuch waren die Gehsteige so voll, dass man bis zu den Knöcheln im Weißen stand. Bis heute ist mehr als ein halber Meter Schnee gefallen und hat die ganze Stadt total verwandelt. Die Leute sind wild am Freischaufeln ihrer Autos und wir haben endgültig das Radfahren eingestellt.
Fahrradständer vor meiner Haustür (nein, meins ist nicht dabei)
Montag Morgen galt es sehr zeitig aufzustehen, da wir einen EnglischTest des Staates Michigan absolvieren sollten. Warum, habe ich nicht ganz verstanden, aber ein weiteres Zertifikat kann ja nicht schaden. Danach war ich fleissig Arbeiten und am Nachmittag kam die Sonne etwas heraus, so dass ich mich entschloß, zum ersten Mal das Skifahren auszuprobieren. Da ich leider immer noch keine Skistöcke für meine tollen Skateski habe, musste ich notgedrungen ein Klassikset im Sportzentrum borgen. Dann gings los und ich stürzte mich in das unieigene Loipensystem, das ca. 20 kleinere Runden zu einem großen Netz vereint. Das Wetter war ideal und es hat riesig Spaß gemacht, durch Gelände zu juckeln.
Am Abend haben wir uns das Frauenbasketballspiel gegen den Erzfeind Finnlandia University angeschaut, das genau wie das Männerspiel haushoch gewonnen wurde. Eine Freundin bat uns dann, ihr Auto aus dem Schnee zu befreien und wir verbrachten die nächste Stunde damit, Schaufel und Eiskratzer zum Einsatz und durchdrehende Antriebsräder unter Kontrolle zu bringen.
Heute herrlichster Sonnenschein, aber bitter kalt und ich weiß noch nicht, wie ich die zu erwartenden -40C als Tiefpunkt überstehen soll.
Blick auf die Hauptstraße

Sonntag, Dezember 12, 2004

Gott rockt

Das beste gleich zum Anfang, seit ca. 16 Stunden schneit es ohne Unterbrechung und es liegen bereits ca. 15 cm kristallisierten Wassers. Mir ist nun auch klar, warum die Eskimos über 20 Wörter für Schnee haben, denn der jetzige ist winzig klein und nadelscharf, ganz anders als der Berlin-Schnee und im Januar soll es Flocken geben, die 2-Euro-Stücken groß sind.
Die letzte reguläre Uniwoche ist nun rum, ab Montag beginnen die Finals, die mich jedoch nicht weiter betreffen. Die Tage waren durch die Endprojekte und Vorträge ziemlich stressig, wenn auch nicht so schlimm wie befürchtet und nichts im Vergleich zu anderen Studenten, die in den letzten Tagen nicht mehr als 2-3 Stunden Schlaf bekommen haben. Nach einer Umfrage der Campus-Zeitung war es das schlimmste Semesterende seit Studentengedenken.
Letzten Sonntagabend waren wir zum Weihnachtskonzert in der Kirche (Neubau mit Plüschbestuhlung) und haben uns den Gospelchor der Uni angeschaut. Von zehn Liedern war immerhin eins ein Weihnachtslied, der Rest halt Gospel, mit vielen vielen textlichen Variationen von "We're blessed" oder auch "You're blessed" . Die Sänger waren aber sehr gut, es wurde kräftig mit Händen und Hüften gewackelt und es gab einige ohrenschmeichelnde Solos.
Am Montag gab es im Motorradclub einen Vortrag eines ParkRangers über Motorradgangs, wie die HellsAngels und ihre Machenschaften. Es gab sehr interessante oder besser furchterregende Geschichten und mein Weltbild von lustigen, bärtigen Rockerbrüdern wurde nachhaltig zerstört. Es sind sehr gut organisierte, kriminelle Vereinigungen, denen man besser nicht unter die Finger kommt, insbesondere, wenn man "japanischen Schrott" fährt.
Die Zeit der Projektabgaben fing am Donnerstag mit zwei Vorträgen an. In meiner Literaturklasse habe ich mehr schlecht als recht vor mich hingestammelt. Im Anschluß habe ich von meiner Professorin eine Liste mit „Muss man gelesen haben“-Büchern englischsprachiger Autoren erfragt, die an Position drei die Bibel auflistete, was bei mir die Frage aufwirft, ob in Deutschland nicht vielleicht die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssten. Im Englischkurs habe ich mich ganz gut geschlagen (Dank an Heike und Florian für die Recherchen) und war mit meinem Präsentation über einen Designguru gut aufgehoben zwischen einem Saunahistorie- (natürlich von einem Finnen gehalten) und einem Liebe/Partnerschaft- (natürlich von einer Spanierin) Vortrag.
Am Freitag wurden dann die letzten Korrekturen an den Abgaben gemacht und nach zwei Stunden Cafeteria-Arbeit habe ich mich erleichtert in die letzten Vorlesungen für dieses Jahr gestürzt, wobei die letzte noch ausfiel. Irgendein Experiment auf der Chemielaboretage ist schiefgegangen, hat das ganze Gebäude von oben nach unten mit seinem Gestank durchwandert und damit unpassierbar gemacht.
Am Abend gab es im unieigenen Veranstaltungstheater/Konzertsaal ein kostenloses Konzert der Band Skillit, präsentiert von 'His House Christian Fellowship'. Man ahnt es, es ist eine christliche Rockband, im Stil der New-Metall-Schrammelgitarren. Zu einem richtigen Rockkonzert gehören natürlich ein anständiger Club, Platz zum pogen und betrunkene Fans. Das alles gab es nicht. Man war zwischen den Stuhlreihen eingequetscht und die Hüpf-und Arme-in-die-Luft-Werfen-Versuche des Publikums waren im Rahmen der schicken Umgebung mehr als albern. Die erste Ansage des Sängers begann mit „I believe in Jesus Christ“, was starken Applaus zur Folge hatte. Nach zwei Dritteln des Konzerts gab es eine lange Predigt über das Schlechte in der Welt, Gott und die Bibel und den Glauben, der die Menschheit rettet. Unterlegt mit sehr schöner atmosphärischer Musik, konnte einen das schon berühren (wenn man denn wollte) und entsprechend gab es begeisterte Ausrufe und sehr starken Applaus. Bei mir löst dieses fanatische Christlichkeit immer ein gewisses Unwohlgefühl aus und selbst meinen aus katholischen Familien kommenden spanischen und mexikanischen Freunden war das nicht ganz geheuer.
Im Anschluss ging es zum Countrymusik-Hören ins Clubhaus des Snowmobilclubs von Houghton. Die Ernüchterung war aber groß, das Publikum doch recht betagt, die Lokalität sehr clubhausmäßig und die Band nur durchschnittlich. Als Rene (ein immer gut gelaunter Mexikaner) dann auch noch nachhaltig traumatisiert wurde, als ihm eine etwas ältere Dame ihre blanke Oberweite präsentierte, gab es kein Halten mehr und es wurde die Heimreise angetreten.
Nach wenigen Stunden Schlaf musste ich mich sehr früh aus dem Bett quälen, um der ersten Weihnachtsurlauberin die versprochene Fahrt zum Flughafen zu geben. Mit einem Freund bin ich später zur Feierstunde der Abschlussklasse dieses Semesters gefahren. Wie man das aus dem Fernsehen kennt, hatte jeder einen schwarzen Umhang und Hut auf und wurde persönlich aufgerufen und vom Präsidenten mit Handschlag beglückwünscht. Bis auf den Auftritt des Gastredners, der u.a. über die Rolle der USA in der Welt sprach und die momentane Situation sehr kritisch betrachtete, war es eine langweilige Veranstaltung und nicht besser, als das, was man von zu Hause kennt.
Ansonsten geht es langsam Richtung Weihnachten, wenn ich hier auch sehr viel weniger davon mitbekomme. Die Uni hat ihre paar Bäumchen mit Lichterketten behängt, die Studentenschaften ihre Häuser mit einigen mehr und bei Wallmart kann man Nußknacker in Kindergröße kaufen.

Sonntag, Dezember 05, 2004

Schnee (und ade)

Nach der schönen Ferienpause über Thanksgiving gab es mit Montag den großen
Bruch in die letzten drei anstrengenden Wochen, die einige Projekten, Vorträge und Endklausuren bereithält. Versüßt wurde dies aber durch den herrlich weißen, in dicken Flocken vom Himmel fallenden Schnee, der mich nahezu in Winterurlaubsstimmung brachte. Zusammen mit einem Mitbewohner gehöre ich zu den letzten Standhaften, die immer noch mit Fahrrad zur Uni kommen, aber gekauft ist gekauft, und da muss ich jetzt durch.
Am Dienstag habe ich von einem Mitglied des Skiclubs ein Paar Skateski mit Schuh für die Saison geborgt bekommen und ich fiebere nun der ersten Gelegenheit entgegen, mich in Wald und Loipe zu werfen und die unieigenen Trails zu erkunden. Das einzige, was mir noch fehlt, sind ein paar Skistöcke. Meine Idee, Geld zu sparen und welche bei Wallmart zu erstehen, erwies sich als zu optimistisch. Während man in Berlin so ziemlich jede Winterausrüstung bekommt, ist das Angebot hier oben im Dauerwinterland gleich null. Diese Geschäftspolitik soll man mal verstehen.
Freitags habe ich meine Arbeitskraft wieder der Eishockeyarena zur Verfügung gestellt. Diesmal wurde mir ein Platz mit Blick aufs Spielfeld versprochen und ich hatte gehofft, diesmal nicht wieder den Eiscrememann machen zu müssen. Aber es kam, wie es kommen musste und drei Stunden und eine erneute bittere Heimniederlage später war ich wieder armlahm und von Kinn bis Bauchnabel mit StrawberryCheesecake/Chocolate/Cookies&Creme eingeschmiert. Den Abend dann mit Dinner und Quatschen beendet. Für meinen Mitbewohner und zwei weitere Freunde sind es die letzten Wochen, da sie nur ein Semester hier sind und es fängt die Zeit an, wo Fotos und Erfahrungen ausgetauscht werden.
Gestern war ich beim ersten Spiel, der Männer-Basketballmannschaft. Es kam mir wie eine Reise zurück in die 50er vor, nicht wegen der Qualität des Spiels, das sehr gut war und mit einem dicken 100-zu-irgendwas-Sieg ausging, sondern der Spieler wegen. Von circa 24 Spielern aus beiden Mannschaften, war genau einer dunkelhäutig, ansonsten nur weiße Kids, was sehr komisch ist, da der professionelle Basketball (und der fängt im College an) in den Staaten von Schwarzen dominiert wird.
Zum Abschluss noch eine traurige Nachricht Das Wochenende begann mit einem warmen Wind aus dem Süden und die ganze Schneepracht ist, wie die böse Hexe aus dem Süden, dahingeschmolzen.